Ein Stink-Normaler Turniertag
Endlich wieder Turniersaison! Wie lange hatten wir diesmal warten müssen. Ende Juni
erst war meine Stute Pitti wieder fit. Zu unserem Glück war das erste Turnier nach ihrer Verletzung eins, das wir bereits seit
vielen Jahren besuchten. Nicht dass wir dort bekannt gewesen wären. Nein, es war ein
viel zu großes Turnier, da achtete man weniger auf die Reiter in den A-und L-Springen.
Aber für mich war es dennoch etwas ganz Besonderes dort starten zu dürfen, zwischen den
ganzen großen Reitern. Da wollte man natürlich auch einen guten Eindruck machen.
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| Tunier-Tag |
Am Tag zuvor hatte ich das gesamte Sattelzeug auf Hochglanz geputzt und Pittis Zöpfchen
standen alle fein säuberlich in einer Reihe. Auch meine Hose, die Stiefel und das Sakko
waren frisch gewaschen und saßen perfekt. Es war wirklich einfach alles perfekt. Als wir am Turnierplatz angekommen waren hatten wir sogar das Glück neben einem LKW
eines ganz großen Springreiters parken zu dürfen. Der Parkplatz jedoch befand sich
mitten in der Sonne und der Turnierplatz selbst war von Wald und einem See umgeben, also
herrschte großer Bremsenalarm.
Pitti war die erste die davon zu spüren bekam. Bereits als ich sie, nachdem ich den
Parcours abgegangen war, abladen wollte merkte ich wie nervös meine sonst so
friedfertige Stute war. Sie trat von einem Fuß auf den anderen und schüttelte sich
unentwegt.
Beim Satteln konnte ich sie kaum beruhigen. Sie trampelte wie wild herum und schüttelte
die weiße Schabracke jedes Mal wenn ich sie draufgelegt hatte wieder von sich. Ich wurde
fast verrückt und das auch noch kurz bevor ich in diesen durchaus schweren Parcours
reiten sollte.
Da kam meine Mutter auf eine Idee. Am Tag zuvor hatte sie in der Apotheke rohes Tieröl
gekauft um die Mücken von unserem Haus fernzuhalten. Rohes Tieröl? Komisch, dachte ich.
Normalerweise werden doch solche Insekten von Kardavergeruch erst angelockt?
Doch bevor ich meine Zweifel aussprechen konnte hatte sie Pitti schon von oben bis
unten damit eingetupft.
"Na toll! Jetzt habe ich also einen Schecken!", beklagte ich mich seufzend, wohl
wissend, dass ich wohl nichts mehr daran ändern konnte.
Mit der Trense in der Hand trat ich an mein Pferd heran...
...und lief sofort wieder weg. Dieses Zeug war der Wahnsinn. Es roch so widerlich dass
ich mich wirklich sehr lange überreden musste noch einmal zu versuchen weniger als 20
Meter an mein Pferd heranzutreten.
Aber schließlich musste es ja doch sein. Die Luft anhaltend trenste ich Pitti auf. Was
für ein Gestank! Und als ich erst im Sattel Platz genommen hatte suchten meine Augen
bereits verzweifelt nach einer Toilette. Ich war froh dass ich am Morgen zu aufgeregt
gewesen war und deshalb nichts gegessen hatte. Sehr froh sogar.
Pitti schlug noch immer vorsorglich nach den Bremsen die tatsächlich nicht mehr
versucht hatten sie zu stechen und tippelte aufgeregt durch den Sand auf dem überfüllten
Abreiteplatz. Die Bremsen jedoch hielten sich noch immer fern. Es wirkte tasächlich, ich
konnte es nicht fassen.
Auf dem Abreitplatz herrschte ein unglaubliches Chaos. Reiteranarchie. Überall liefen
Menschen quer durch die trabenden Pferde und immer wieder wurde ich umgeritten. Reiter
die ihre Pferde nicht kontrollieren konnten kamen auf mich zugeschossen und weichten in
letzter Minute aus. Pitti wurde immer nervöser und unrittiger. Das alles jedoch war
nichts gegen diesen Gestank der sich wie ein Dampfbad von meinem Pferd erhob.
Schrecklich. Offenbar jedoch hatten den mittlerweile auch alle anderen bemerkt.
Plötzlich schien es mir sogar einen enormen Vorteil zu verschaffen. Ich hatte Platz
ohne Ende. Niemand ritt mehr in meine Nähe und selbst die kontrolllosen Reiter bekamen
ihre Pferde nun in den Griff bevor sie auch nur in meine Nähe kamen. Was war geschehen?
Fast hatte ich es vergessen, wäre da nicht wieder so ein Luftzug gewesen.
Ich musste grinsen und lobte mein Pferd, dann begann ich Pitti locker zu reiten. Sie
ging einfach perfekt und mit jedem Sprung den wir auf dem Abreitplatz machten wurde ich
sicherer. Es konnte einfach nichts mehr schief gehen. Mein Pferd war in Topform.
Und das bestätigte sie auch im Parcours. Als ich hineinritt jedoch kamen mir vorerst
Zweifel. Überall am Zaun standen sie, die großen Springreiter, die berühmten Reiter aus
dem Fernsehen und nun guckten sie mir zu. MIr und meinem Pferdchen. Ich wurde ziemlich
nervös, versuchte mir jedoch nichts anmerken zu lassen.
Ich grüßte und galoppierte an. Einmal an der langen Seite vorbei, da wo sie alle
standen, zum ersten Hindernis. Als ich an ihnen vorbeiritt sah ich nur im Augenwinkel
wie sich einer nach dem anderen die Nase zuhielt und einen Schrtt zurückging. Oh nein!!!
Was für eine Blamage. Und das bei so viel Prominezn. Mein Ritt jedoch war alles andere
als blamabel! Der war nämlich fast perfekt und ziemlich schnell. Wir waren im Stechen
und hatten gute Chancen auf einen Sieg. Da konnte man doch auch den Gestank vergessen,
oder?
Auch später beim Abreiten zum Stechen hatte ich wieder allen Platz den ich benötigte um
meine geliebte Stute optimal vorzubereiten. Auch wenn es stank, es war perfekt!
Als ich jedoch wieder in den Parcours ritt sah ich schon die ersten der Zuschauer
vorsorglich einen Schritt zurück gehen. Ich selbst hatte mich mittlerweile fast an den
Geruch gewöhnt.
Als ich losritt entfernten sich dann auch die Letzten endgültig vom Platz.
Auch dieser Parcours lief perfekt und wir gewannen die Prüfung. Ein später, aber doch
gelungener Saisonauftakt. Ich war überglücklich als ich von dem Turniersprecher als
Sieger nach vorne gerufen wurde.
"Herzlichen...", begann der gratulierende Richter.
"...um Himmels Willen, was stinkt hier so?", endete sein Satz jedoch.
Ich wurde rot.
"Mein Pferd!", sagte ich beschämt und der Richter begann zu lachen.
"Das Pferd stinkt so?", versuchte er zu sagen doch musste einfach zu sehr lachen um
weiter zu reden. Ich war etwas verwundert.
"Und wir haben uns schon gewundert warum immer alle weglaufen wenn du in den
Parcours reitest!" Er krümmte sich vor Lachen und auch der Sprecher lachte vom
Richterturm aus mit. Ich grinste vorerst nur, konnte mich jedoch dann auch kaum mehr
zurückhalten.
"Na dann viel Spass auf der Ehrenrunde. Dein Pferd ist zwar sehr schnell, aber ich
glaube diesmal wirst du nur einen so großen Vorsprung haben weil niemand es wagt näher
heran zu reiten!" Noch immer lachte er.
"Das sollte man mal im Galoppsport einführen!", scherzte ich zurück und trieb Pitti
dann in den Galopp um glücklich und zufrieden die Ehrenrunde anzuführen.
Wieder gingen alle einige Schritte zurück. Diesmal fand ich es lustig.
"Carolin Müller(*) und Pierette, meine Damen und Herren, vielleicht ein zukünftiger
Star am Reiterhimmel. Aber eines ist klar, die zwei brauchen so schnell keinen
Bodyguard, bei so einem Gestank!", scherzte der Sprecher nur als ich wie, vorhergesagt
mit viel Vorsprung, meine Ehrenrunde drehte. Ich sah nur wie alle am Rand lachten, auch
die ganz Großen.
Es war zwar nicht die Art Eindruck die ich hinterlassen wollte, aber es war immerhin
ein Eindruck.
Und im nächsten Jahr, als ich wieder bei diesem Turnier mitritt, wurde ich schon am
Eingang gegrüßt und angelächelt.
Offenbar gehörte ich nun auch zu den Stars auf diesem Turnier.
Ein schönes Gefühl, auch wenn ich nicht durch mein Reiten berühmt geworden war sondern
eben durch einen "stink" normalen Turnierauftakt!!
Autor/in: Carolin Müller*
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