Pferdegeschichten
Sommersturm
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Leseprobe 2
16 Stunden bis zur Mathearbeit. Mir ist richtig schlecht. Eben beim Abendessen habe ich wieder keinen Bissen herunter bekommen. Ich hab unzählige Male überlegt, heimlich in den Stall zu fahren, denn Simpel macht mich immer ruhig, aber Mama wachte die letzten Tage über mich, als sei ich ein entflohener Sträfling. Sie war wirklich überall. Ich fühlte mich sogar auf dem Klo beobachtet. Das Höchste der Gefühle war, mit Lissi beim Bauern Eier und Milch zu holen; und das war keine Freude, so still und schlecht gelaunt Lissi momentan ist. Sie erzählt auch kaum etwas; meine Eltern wissen noch nicht, dass Chris Schluss gemacht hat. Okay, offiziell nicht. Mama hat versucht, mich auszuquetschen. Keine Chance. Trotzdem, sie weiß es. Mütter wissen immer alles. Und das ist auch Lissi klar.
Also, die vergangenen Tage waren still, ungemütlich und verklemmt. Und jetzt sitze ich an meinem Schreibtisch und kapiere die eine Formel immer noch nicht. Hab das in der letzten Nachhilfestunde schon geahnt, dass das nicht angekommen ist in meinem Oberstübchen. Aber ich dachte auch, dass ich keine Minute länger mehr mit Tanja aushalte. Es gewitterte die ganze Zeit, und sie zuckte nicht einmal zusammen, dafür ich ständig. Und Henri machte mich wahnsinnig mit seinem Gefiepse. Es hat nicht viel gefehlt, und ich hätte losgebrüllt, so gereizt war ich.
Aber was, wenn genau diese Formel morgen dran kommt... Nicht auszudenken. Früher hab ich mal ne schlechte Note geschrieben und es war okay. Nichts hat sich verändert in meinem Leben deshalb. Jetzt hängt so viel davon ab. Das, was ich mir schon immer gewünscht habe: Urlaub zusammen mit meinem Pferd und meinen Freunden. Besser geht's nicht. Ich hab das auch Lissi versucht zu erklären, als sie fragte, warum ich so "unausstehlich" sei. Sie meinte nur: "Und danach?" "Was danach?", fragte ich. "Das Leben besteht doch nicht nur aus diesen dämlichen Reiterferien... Danach ist bald wieder Schule, es gibt Tests und Klassenarbeiten und Stress und Krach..." Nein, es machte keinen Sinn, mit Lissi darüber zu reden. Heute Morgen war ihr Kissen wieder ganz nass. Ihre Augen sind wie Fenster, an denen die Rollläden runter gelassen sind. Sie sieht mich gar nicht mehr.
Und ganz ehrlich: Für mich gibt's noch kein danach. Ich denk da nicht dran. Ich will mit, koste es, was es wolle.
Koste es, was es wolle? Tatsächlich? Irgendwie kam da vorhin diese verrückte Idee in meinen Kopf, Tanja anzurufen wegen der Formel. Lissi arbeitet (und das, obwohl sie jetzt ja gar nicht mehr mit Chris in Urlaub fährt...); Mama und Papa sind weg. Und die können und wollen mir dabei sowieso nicht helfen. Toni ist in seinem Modellbauverein; und Marc geht nicht dran. Marc telefonisch zu erreichen, ist ohnehin ein Ding der Unmöglichkeit. Er hasst Telefone.
Zehn Euro hab ich hier noch rumfliegen, ich könnte sie bezahlen. Ich könnte es versuchen. Gut. Ich versuche es. Alles sträubt sich in mir, als ich runter zum Telefon geh. Da hängt ihre Nummer. Mama hat immer die Stunden ausgemacht. Mit Tanjas Mutter. Nie wir beide selbst.
Ich nehme den Hörer ab und halte ihn probeweise an mein Ohr. Leg ihn wieder auf den Tisch. Lege auf. Vielleicht geh ich besser mit dem Mobilteil in mein Zimmer. Da fühl ich mich wohler als hier im Flur. Oh Gott, ist das albern, jetzt reiß dich zusammen, sag ich zu mir selbst. Ich will da mit. Und ich tu alles dafür. Alles.
Ich wähl die Nummer. Freizeichen. Es dauert, bis jemand abnimmt.
"Ja, hallo?", fragt endlich eine müde Stimme. Ist sie das?
"Tanja?"
"Ja - wer ist da?" Jetzt klingt sie wacher.
"Ich bin's, Tom." Ich muss schlucken, und ich glaube, sie schluckt auch. Es ist so still im Hörer. "Ich kapier die eine Formel immer noch nicht."
Sie stöhnt genervt auf. Na prima. Das hätte ich mir sparen können. Aber denk an die Reiterferien... Du wolltest doch alles tun...
"Ähm... kannst du vorbei kommen? Und mir das erklären?"
"Tom, es geht jetzt nicht. Wirklich. Ich kann hier nicht weg."
Sie kann nicht weg, was soll das bedeuten? Natürlich kann sie, wenn sie nur will, wieso sollte sie nicht können?
"Okay, dann komm ich zu dir", versuche ich einen anderen Weg.
Wieder ist es still im Hörer. Und zwar ziemlich lange.
"Tanja, bist du noch dran?"
"Jaaaa...." Sie klingt noch genervter. Da soll mir mal noch einer erzählen, die wär' verliebt. So ein Mist.
"Bitte, ich muss ne gute Note schreiben, ich kann mir nicht leisten, die Arbeit zu verhauen, ehrlich, ich muss das kapieren..."
"Ich, ich, ich", äfft sie mich nach. "Immer nur ich. Holunderweg 13. Bitte beeil dich." Sie legt auf.
Jetzt ist mir noch schlechter als vorher. Ich sammel meine Bücher zusammen, schreib Mama einen Zettel und kram den Stadtplan raus. Holunderweg, wo um Himmels willen ist das... Hier, aha, da ist es. Ganz am Stadtrand. Aber auf der gegenüberliegenden Seite. Ich kenne niemand, der da wohnt. Das ist doch auch ewig weit weg von unserer Schule... Sie hatte doch Holunderweg gesagt, oder?
Ich brauche fast eine halbe Stunde, bis ich da bin. Es ist eine komische Gegend. Ich hab das Gefühl, die Leute glotzen mich an. Überall hohe Wohnblocks ohne Balkon, und dazwischen abgetretene Wiesen, auf denen Kinder Fußball spielen oder Wäsche aufgehängt wurde. Neben dem Pennymarkt sitzen ein paar Männer mit Bierflaschen. Vor mir auf dem Radweg läuft eine dicke Frau mit drei kleinen Kindern. Das Mädchen, das sie auf dem Arm hat und über die Schulter zu mir guckt, hat eine Rotznase und weint quengelig vor sich hin. Der Junge kann seine Augen nicht von meinem Rad lassen. Sein verschmierter Mund steht offen, so staunt er. Wo zum Teufel ist der Holunderweg?
Ich halte an und frag die dicke Frau mit den Kindern. Jetzt sehe ich, dass sie noch ziemlich jung ist. Viel jünger als Mama. "Holunderweg? Da vorne, bei den Türmen..." Sie riecht komisch; irgendwie nach Windeln und den Weinbrandbohnen, die Oma immer gegessen hat. "Wie teuer ist das Rad?", fragt mich der kleine Junge mit großen Augen. Ich möchte nur noch weg. "Ich... ich weiß es nicht", sage ich verlegen. "Red nicht mit Fremden", schnauzt seine Mama ihn an und zieht ihn am Ärmel weg. Sein Pulli verrutscht, so dass ich seinen kleinen runden Bauch sehen kann. Er fängt an zu heulen. Oh je, ich weiß wirklich nicht, wie teuer das Rad ist. Papa hat es mir geschenkt. Ich weiß nicht mal, wie viel Simpel gekostet hat. Wenig kann es nicht gewesen sein, schließlich wird er zum Springpferd ausgebildet.
Der Holunderweg besteht aus zwei wuchtigen Hochhäusern. Mindestens 15 Stockwerke. Volens heißt sie mit Nachnamen. Volens. Ich such die Namensschildchen ab. Da. Ich klingle. "Tom?", flüstert es leise aus der Sprechanlage. "Ja..." "Achter Stock, mittlere Tür, bitte sei leise..." Leise? Warum das?
Im Aufzug müffelt es. Ich fahr nicht gern Aufzug, aber ich will auch so schnell wie möglich wieder aus diesen dunklen Fluren raus. Schlecht ist mir eh schon. Da kann mir auch noch schwindlig dazu werden. Im vierten Stock steigt eine Frau mit Kopftuch zu. Sie lächelt mich an. "Zu Besuch?", fragt sie in astreinem Hochdeutsch. "Hmhm", nicke ich. Ich komme mir vor wie ein Alien. Jeder scheint zu merken, dass ich nicht in dieser Gegend wohne. Aber woran nur?
Die Tür zu Tanjas Wohnung ist angelehnt. Ich geh vorsichtig rein. Ein kleiner, dämmriger Flur führt ins Wohnzimmer. Eine Couch, ein Sessel, ein Fernseher, viele Bücher. Alles ganz ordentlich. Aber wo ist Tanja? Ich schau mich um. Aus dem Fenster Blick auf die Stadt und die anderen Blocks; man sieht sogar einen Zipfel Bodensee. Vom Wohnzimmer aus kann ich in die Küchenecke gucken. Kein Esszimmer. Oder geht es hier noch irgendwo weiter? Wo ist die Treppe?
"Schschsch, ist ja gut." Auf einmal steht Tanja im Zimmer. Mit einem Säugling auf dem Arm. "Hi", sagt sie und unterdrückt ein Gähnen. "Wollte dir noch sagen, dass du nicht klingeln sollst. Jetzt ist sie aufgewacht." Tanja läuft rot an. Das Baby strampelt mit den Beinen und brabbelt verschlafen vor sich hin.
Sie? Wer ist diese sie? Und wo sind Tanjas Eltern? Sind hier keine Eltern? Moment ... "Ist das... ähm... ist das etwa...?" Ich zeige auf die Kleine und trau mich nicht, zu sagen, was ich denke.
"Meine Schwester!", sagt Tanja schnell und wird noch röter. "Also echt... das ist meine Schwester..." Die Kleine quäkt, und ein dünner Sabberfaden läuft aus ihrem runden Mündchen. Tanja wischt ihn mit dem kleinen Finger weg.
"Ähm. Okay", sag ich verlegen. Das ist irgendwie eine ganz bescheuerte Situation und ich würde was drum geben, endlich aus diesem Traum zu erwachen. Ich bin fast erleichtert, in der Ecke ihre Reitstiefel zu sehen, wenigstens etwas Vertrautes.
"Wie heißt sie?"
"Lara."
"Hey, Lara." Ich geh rüber und schau sie mir an. Hat schon Tanjas rote Wolle auf dem Kopf. Noch so ein Satansbraten. Ich strecke ihr unwillkürlich meinen kleinen Finger hin. Sie greift danach und grinst mich schief an.
Ach du Heiliger, wie wir dastehen, Tanja, ich, das Kind, wie sieht das denn aus... Ich springe einen Schritt zurück, als ich das registriere.
"Okay, gehen wir in dein Zimmer." Ich suche immer noch eine Treppe.
"Das ist mein Zimmer", sagt Tanja mit leiser Schärfe. "Das hier ist eine Zweizimmerwohnung. Das andere Zimmer ist das Schlafzimmer von mir und meiner Mama. Und der Kleinen. Da willst du wohl nicht lernen, oder?"
Sie geht zum Küchentisch und setzt Lara vorsichtig in einen Laufstall. Ich stehe wie festgenagelt in "ihrem" Zimmer. Das ist also alles. Dieser Raum, die Küche, ein Schlafzimmer. Ich muss dringend pinkeln, aber ich trau mich nicht, nach dem Bad zu fragen. Als würde es auch kein Bad geben.
"Was kapierst du denn jetzt wieder nicht?", ruft sie aus der Küche.
Wieder nicht... Oh Mann... Kleine Wohnung, große Klappe. Ich zerbrösel mit meinen Fingern schon fast den 10-Euro-Schein in meiner Tasche, so sehr stresst mich diese Situation. Ich muss an Marcs Worte denken, wie gut wir es doch haben.
"Tom, bitte, ich bin hundemüde. Komm schon."
Ich setz mich zu ihr und Lara und bin zum ersten Mal froh, dass es Mathebücher gibt. Und Formeln. Und Zahlen. In die ich mich vertiefen kann. Und all diese Fragen verdrängen. Wo ihre Mutter ist. Ob es einen Vater gibt. Warum sie hier wohnt. Warum kein Haus. Warum in dieser Siedlung.
Nein, jetzt gibt es nur Zahlen und Gleichungen. Ich halte mich daran fest und plötzlich sehe ich einen Sinn darin. Es macht ja Sinn. Ich klammer mich richtig an die Aufgaben. Und rechne.
"Geht doch", sagt sie schließlich. Sie kann kaum mehr ihre Augen offen halten. Lara ist eingeschlafen und liegt wie ein kleines Würmchen in ihrem Laufstall. Ich versuch, ganz leise zu sein, als ich aufstehe. Ich komme mir blöd vor, als ich ihr die zehn Euro gebe.
Das war meine letzte Stunde, meine letzte Stunde bei Tanja. Und ich kann mich nicht richtig darüber freuen.
Im Aufzug hab ich plötzlich Angst, mein Rad könne gestohlen worden sein. Aber es ist noch da. Ich trete so fest in die Pedale, dass meine Waden wehtun. Der Fahrtwind treibt mir die Tränen in die Augen. Noch nie in meinem Leben wollte ich so schnell nach Hause wie jetzt.
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Autorin: Bettina Belitz
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